Mausefalle oder Skulptur?

slowakische_drahtbinderei

Katarína Hallonová – Kuratorin | Die Drahtbinderei neu entdeckt, vom Gewerbe zur Kunst. Ein einzigartiger Bestandteil der slowakischen Volkskultur ist die Fertigung von Nutz- und Kunstgegenständen aus Draht. Das Gewerbe, als Drahtbinderei bekannt, ist Ende des 17. Jahrhunderts als zusätzliche Erwerbsquelle der Bevölkerung der kargen Bergregionen der nordwestlichen Slowakei und der Spiš (Zips) entstanden.

Anfangs haben die Drahtbinder das Tongeschirr so verfestigt und repariert, daß es mit Drahtgitter umflochten wurde.  Später haben sie auch die Fertigung von einfachen Nutzgegenständen für die Wirtschaft und den Haushalt aufgenommen. Hunderte von wandernden Drahtbindern sind durch das Land gezogen. Sie haben ihre Dienste angeboten und durch ihre unverwechselbare Erscheinung haben sie die Aufmerksamkeit so auf sich gezogen, daß sie zu typischen Repräsentanten des slowakischen Volkes wurden. Sie haben nach und nach die Grenzen von Ungarn überschritten, und dieses Handwerk, ein ursprünglich rein lokales Phänomen, über die ganze Welt verbreitet.  Sie haben in ganz Europa, in Asien, in Nordafrika und auf beiden amerikanischen Kontinenten gewirkt. Viele sind im Ausland dauerhaft ansässig geworden und ab Mitte des 19. Jahrhunderts haben sie Drahtbinderwerkstätten gegründet, die dutzende Arten von geforderten Erzeugnissen produziert haben. Die Drahtbinderei war zu ihrer Zeit ein sehr erfolgreiches Gewerbe. Den Höhepunkt hat sie Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erreicht, nach dem 2. Weltkrieg unterlag sie jedoch dem Druck der Industrieproduktion und geriet in Vergessenheit.

Die slowakischen Drahtbinder haben den Draht auf das Niveau der sonstigen klassischen Handwerksmaterialien erhoben. Sie haben originelle, einfache, jedoch außerordentlich effektive Arbeitsmethoden entwickelt, die in ihrer manuellen Formgebung und Bindung, ohne Verwendung von gelöteten oder geschweißten Verbindungen, bestanden haben, die ihnen die Ausübung des Handwerks unter jeglichen Bedingungen, bei der Nutzung einer minimalen Menge von Arbeitswerkzeugen und Hilfsmitteln ermöglicht haben.

Sie haben einen neuen Typ der praktischen Gegenstände für den täglichen Bedarf angeboten. Sie waren durch Leichtigkeit, Luftigkeit, Nüchternheit der Formen, saubere Linien und gefühlvolle Anwendung von Dekor, das aus der Volksornamentik entstand, charakterisiert. Ihr spezifisches Aussehen wurde vom Material und der einzigartigen Technologie bestimmt, die auf der Variation und Kombination von fünf Grundelementen aufgebaut war – von Linien, Spiralen, Federn, Schlingen und Netzen. Die Offenheit der Konstruktion hat die komplexe Lösung von der technologischen und bildnerischen Seite erfordert. Die einzelnen Komponenten waren multifunktional, sie haben zugleich die Verfestigung und Flächen, Griffe oder Abschlüsse gebildet und standen in gegenseitigen logischen Bindungen. Alle Teile wurden aneinander „genäht“ oder wurden gegenseitig verflochten und durch Ösen verbunden.

Die Form des Gegenstandes wurde vom Skelett bestimmt. Es wurde mit verschiedenen Geflechten, oder Netzen und Schmuckelementen ausgefüllt. Jedes Teil hatte seinen organischen Platz und beeinflußte die Zweckmäßigkeit und das Aussehen der Gesamtheit.

Der Draht und die Prozeßabläufe der Drahtbinderei verbergen in sich ein überraschend kreatives Potential und bemerkenswerte Ausdruckmöglichkeiten und daher bleibt die Drahtbindertradition eine dauerhafte Inspirationsquelle für das moderne gewerbliche und bildnerische Schaffen und das professionelle Design. In die gegenwärtigen Kunstwerke wird die Logik der Konstruktion der alten Drahtbinderprodukte und die Tradition der Umflechtung von Tongeschirr übertragen.

Das ursprüngliche Volksgewerbe wird zum Ausgangspunkt für eine originelle authentische künstlerische Aussage und ermöglicht den Autoren eine ganz besondere Einstellung zum Schaffen. Die bestimmenden Ausdruckselemente sind die Linie, die im Raum mit der Metallfaser gezeichnet wird, und Geflechte und Netze, die die Fläche bilden, oder das Volumen andeuten, die Experimente mit dem Raum ermöglichen und den Werken ihre Vieldeutigkeit und Vielschichtigkeit verleihen. Die Drahtlinie führt wiederum zur vereinfachten Wiedergabe, die bis zur stilistischen Kurzform geführt wird. Von der reichen Skala der technologischen Abläufe werden gegenwärtig am häufigsten das einfache lineare oder spiralen- und schlingenförmige Geflecht, frei gebundenen Netze und Netze, die mit der Technik der Nähspitze angefertigt werden, verwendet.

„Ende einer Reise“ – von Drahtbindern und Mausefallenhändlern heisst ein Dokumentarfilm, der sich mit dem Thema „Drahtbinderei“ beschäftigt. Babette Ellen Kottkamp hat die Doku im Jahre 2007 (Buch und Regie) für den Bayerischen Rundfunk produziert. Der Film kam seither auf diversen deutschen und osteuropäischen Festivals zur Aufführung.

Galerie des Slowakischen Instituts, bis zum 10.09.09, Mo. – Fr. 10:00 – 17:00

Slowakisches Institut
Zimmerstr. 27
D–10969 Berlin
Tel.: 030. 25 89 93 63
www.mzv.sk/siberlin

Hintergrundinformationen zur Drahtbinderei: www.drahtbinder.de

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