Lotto Brandenburg Kunstpreis 2009

Verleihung des renommierten Lotto Brandenburg Kunstpreises für Literatur und Fotografie 2009. Am 30. September fand im wunderschönen Nikolaisaal in Potsdam die feierliche Vorstellung der Preisträgerinnen und Preisträger und die Eröffnung der Austellung statt. Der Kunstpreis Literatur und Fotografie ist in der Kunstförderung im Kulturraum Berlin-Brandenburg seit vier Jahren fest etabliert. Beide Preise richten sich an Künstlerinnen und Künstler, die ihren Schaffensschwerpunkt in Brandenburg und Berlin haben.

Preisträger Kunstpreis 2009 – Benedikt Partenheimer, Viktoria Binschtok, Marion Poschmann, Patrick Findeis

Preisträger Kunstpreis 2009 – Benedikt Partenheimer, Viktoria Binschtok, Marion Poschmann, Patrick Findeis

Die Werke sind in ihrer künstlerischen Umsetzung an kein vorgegebenes Thema gebunden. Die Ausschreibung erfolgt für beide Kunstformen getrennt, ebenso die Bewertung der Arbeiten.

Für jede der beiden Kunstformen vergibt Lotto Brandenburg Preisgelder in Höhe von 10.000 €. Diese können durch die beiden unabhängigen Fachjurys auf bis zu zwei Arbeiten aufgeteilt werden.

Der Kunstpreis Literatur 2009 ging zu gleichen Teilen (jeweils 5.000 €) an: Marion Poschmann für die Erzählung „Hundenovelle“ und Patrick Findeis für seinen Roman „Kein schöner Land“. Der Jury Literatur gehörten Sigrid Löffler (Publizistin und Literaturkritikerin), Hendrik Röder (Leiter Brandenburgisches Literaturbüro) und Lutz Seiler (Autor, Leiter des Peter-Huchel-Hauses) an. Sigrid Löffler hielt die Laudatio.

Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, 1989-1995 Studium der Germanistik, Philosophie und Slawistik in Bonn und Berlin, 1997-2003 Lehrtätigkeit in einem deutsch-polnischen Projekt für Grundschulkinder, seit 2004 als freie Schriftstellerin in Berlin, Mitglied im P.E.N., 2003 Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, 2004 Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo, 2005 Förderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, 2005 Literaturpreis Ruhrgebiet, 2006 Literaturförderpreis der Stadt Meersburg, 2007 Förderpreis NRW 2007/08, Stipendium des Deutschen Literaturfonds

Begründung der Jury – von Hendrik Röder | Die Autorin ist buchstäblich auf den Hund gekommen. Irgendwie ist „das schwarze Tier“ in das Leben der Ich-Erzählerin geraten: plötzlich, raumgreifend und hungrig. Es führt sie auf seinen Streifzügen in die entlegensten Ecken der Stadt, zu den schrundigen Müll- und Abraumplätzen, dorthin, wo niemand absichtsvoll hockt. Da passt zusammen, was zusammen gehört. Die Erzählerin, ohnehin arbeitslos und sozial zerrüttet, lässt den Hund gewähren, folgt ihm nicht als bestimmendes Frauchen, sondern neugierig ergeben. Marion Poschmann erzählt mit Ihrer „Hundenovelle“ die Geschichte der deutschen Seele neu.

Ein Hund ist eben kein Hund, sondern der behaarte Bote zwischen Ober- und Unterwelt. Traumtier und Gefährte zugleich. Mit ihrer besonderen erzählerischen Suggestivkraft entfaltet die Autorin ein vielschichtiges Tableau. Einerseits gibt sie dem Leser genug Realien oder auch Futter in die Hand, das er am Text hängen bleibt, andererseits jagen „Orions Hunde“ über den Himmel und transzendieren den Text in eine neue, ungeahnte Sphäre, wo alles ein bisschen größer ist als das Kläffen und Bellen zu Hause.

Patrick Findeis, geboren 1975 in Heidenheim an der Brenz, lebt in Berlin, nach Handwerkslehre Umzug nach Köln, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium der Komparatistik an der Uni Bonn, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, 2005 und 2006 Mitherausgeber der Tippgemeinschaft, Jahresanthologie der Studierenden des DLL, 2005 Teilnahme an der Endrunde des 13. open-mike, 2006 Stipendiat des 10. Klagenfurter Literaturkurses, 2007 Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin 2007/2008, Aufenthaltsstipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, 2008 Arbeitsstipendium des Berliner Senats, 2008 Gewinner des 3-Sat-Preises bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, 2009 Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Lukas, Ahrenshoop

Begründung der Jury – Lutz Seiler | Die überraschende Rückkehr des verlorenen Sohnes bildet den Rahmen für die Geschichten, die im Roman „Kein schöner Land“ von Patrick Findeis ein genau und lakonisch erzähltes Porträt der schwäbischen Provinz ergeben. In zwanglos gereihten Szenen und anhand verschiedener, miteinander verbundener oder kollidierender Lebensläufe zeigt Findeis, wie der Ausbruch aus der Provinz misslingt. Aber auch, wer bleiben will, geht zugrunde: Die Geschichte von Uwe, der als Kind einer Gastwirtin aufwächst, die ihn seelisch missbraucht und schließlich, ohne sich des eigenen Versagens bewusst zu werden, sterben lässt, berührt besonders. Findeis gelingen starke Schilderungen eines dörflichen Milieus, in dem Bildungs- und Standesunterschiede von lebensentscheidender Bedeutung sind. Uwes Weg zur Hauptschule isoliert ihn von seinem Freund Olaf (die Darstellung dieser Freundschaft gehört zu den beeindruckendsten Passagen), der dort bereits neue Bekanntschaften knüpft und damit einer für Uwe unerreichbaren Sphäre anzugehören scheint. Uwes Versuch, aus dem Elternhaus auszubrechen und sich selbständig zu machen, scheitert. Großartig, wie es Findeis gelingt, die Trauer der Mutter um den Tod ihres Sohnes und zugleich ihre absolute (und am Ende tatsächlich tödliche) Ignoranz glaubhaft vorzuführen. Überhaupt: Der vorsichtige, niemals besserwisserische und bisweilen zärtliche Umgang mit seinen Figuren zeichnet den Erzähler dieser Szenen aus. Ein mehr als gelungenes Debüt.

Der Kunstpreis Fotografie 2009 ging an: Viktoria Binschtok mit „Suspicious Minds“ (6.000 €) und Benedikt Partenheimer mit „Turnaround“ (4.000 €). In der Jury Fotografie arbeiteten Carmen Schliebe (Kustodin Sammlung Fotografie: Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus), Michael Biedowicz (Leitung Fotoredaktion des ZEITmagazin LEBEN) und Matthias Harder (Kurator der Helmut Newton Stiftung in Berlin). Carmen Schliebe stellte die beiden Lichtbildner und ihre Werke vor.

Viktoria Binschtok – aus der Serie „Suspicious Minds“

Viktoria Binschtok – aus der Serie „Suspicious Minds“

Viktoria Binschtok, 1972 in Moskau geboren, seit 1980 aufgewachsen in Minden/Westfalen, 1995-05 Studium/Meisterschülerstudium „Künstlerische Fotografie“ an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Timm Rautert, 2003 Atelierstipendium am ISCP New York, 2004 DAAD Projektstipendium in Tokio, 2005 Gründungsmitglied der Berliner Produzentengalerie Amerika, seit 2007 Künstlerin der Galerie Klemms Berlin, 2008 Nachwuchsförderung Bildende Kunst der Kunststiftung NRW, 2008 MONTBLANC Young Artist World Patronage, lebt und arbeitet in Berlin

Begründung der Jury – Dr. Matthias Harder | Viktoria Binschtok stellt sich in ihrer Kunst komplexen, gesellschaftsrelevanten Themen, etwa in der früheren Bildserie von Frauen in den Straßen New Yorks, die eine Louis-Vuitton-Tasche tragen, mit der sie subtil und systematisch das Wechselverhältnis zwischen Repräsentation und Markenpiraterie befragt. Stets wählt Viktoria Binschtok ungewöhnliche Untersuchungsansätze, mit denen sie uns Rezipienten konfrontiert, uns zum genauen Hinsehen und Nachdenken zwingt. Auch in ihrer neuen Bildsequenz thematisiert sie ein vielschichtiges Phänomen: Sie nimmt Personenschützer ins Visier, die auf öffentlichen Veranstaltungen jegliches auffällige Verhalten bei den Zuhörern bemerken und Störer oder gar potentielle Attentäter rechtzeitig in der Masse aufspüren müssen. Es ist ein seltsamer Beruf, letztlich mit dem eigenen Leben für ein anderes zu bürgen. Sie beschützen die Mächtigen dieser Welt (oder diejenigen, die sich dafür halten), und auf sie kommt es an, wenn bei einer vermeintlichen Bedrohung in Sekundenbruchteilen zu handeln ist. Dies verleiht ihnen eine gewisse Macht, die sie in einigen Aufnahmen auch ausstrahlen; gleichzeitig sollen sie in ihrer Funktion relativ unauffällig bleiben.

Viktoria Binschtok hat nun eine Menge Pressebildmaterial gesichtet und sich manche Aspekte daraus für das eigene Werk angeeignet. So separiert sie einige Figuren aus dem Gesamtzusammenhang und erschafft in der Kontextverschiebung etwas völlig Neues. Inhaltlich interessant ist der Verzicht auf die Gesichter der eigentlichen Hauptpersonen, der zu Beschützenden, ja gelegentlich deren Eliminierung aus den Pressebildern, vor allem aber die Verschiebung des Fokus auf die „unsichtbaren“ Nebenfiguren: die Aufpasser. Formal interessant ist Binschtoks Idee, die Personenschützer mehr oder weniger lebensgroß aus den Vorlagen herauszulösen, unabhängig wie groß die Figur im Ausgangsbild war. Dies wiederum führt zu unterschiedlichen Formaten der eigenen Bilder innerhalb der Sequenz.

Binschtok macht auch mit dieser seriellen Beobachtung der Beobachter wieder etwas sichtbar, was normalerweise übersehen wird; sie legt grundsätzlich mit ihrer Photographie tiefer liegende Schichten im gesellschaftlichen Gefüge frei. Das macht ihre Kunst so unverwechselbar und außergewöhnlich.

Viktoria Binschtok, Mai 2009 | Suspicious Minds – Schaut man sich Pressebilder der Mächtigen dieser Welt genau an, so kann man eine bemerkenswerte Parallelität entdecken: hinter jedem Politiker steht mindestens ein Mann der ihn beschützt. Diese zumeist gut gekleideten Begleiter mit ernster Miene agieren unauffällig im Hintergrund und gleichen einander in ihrem Bemühen den vermeintlichen Fehler im System zu entdecken erstaunlich. Hoch konzentriert halten sie Ausschau nach Personen, die sich verdächtig benehmen bzw. ihnen suspekt erscheinen. Mich interessiert ihr wachsamer Blick. In meiner Serie ‚Suspicious Minds’ löse ich ihre Gesichter aus dem ursprünglichen Kontext, dem Pressefoto, heraus. Die dazugehörigen Staatsoberhäupter schneide ich dabei so an, dass ihre Identifizierung nur noch schwer gelingt. Die Abwesenheit ihrer Visagen rückt umso mehr ihre Gesten und Haltungen in den Vordergrund, die sich dadurch plötzlich als austauschbar und symbolträchtig erweisen.

‚Suspicious Minds’ ist keine schlichte Dokumentation der Berufsgruppe Personenschützer. Ihr massives Auftreten, losgelöst von einem konkreten Auftraggeber, verweist hier auf einen größeren und allgemeingültigeren Zusammenhang. Es ist eine fotografische Auseinandersetzung mit der global zunehmenden Angst vor Terror und den damit einhergehenden Sicherheitsverschärfungen in vielen Bereichen unseres täglichen Lebens.

Benedikt Partenheimer – aus der Serie „Turnaround“

Benedikt Partenheimer – aus der Serie „Turnaround“

Benedikt Partenheimer, 1977 in München geboren, 1999-2001 Studium der Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte Ludwig-Maximilian-Universität, München, 2001 Studium der Fotografie RMIT Royal Melbourne Institute of Technology School of Creative Media, Melbourne, Australien, 2002 Auslandsstipendium Parsons School of Design, New York, Bachelor of Fine Arts Program, Assistent bei Richard Avedon, New York, 2003 Abschluss des Studiums BFA Photography mit High Distinction RMIT University, Melbourne, Australien

Begründung der Jury – Michael Biedowicz | Benedikt Partenheimer nennt seine Serie TURNAROUND. Wir sehen Menschen, die uns den Rücken zuwenden, und die wir deshalb nicht erkennen.
Jedoch tragen seine Fotografien Bildtitel, die verraten, dass es sich vorwiegend um Künstlerportraits handelt, Künstler wie Sasha Waltz, Damien Hirst und Mary Ellen Mark. Obwohl sie sich abgewandt präsentieren, sprechen sie mit uns.

Der Fotograf nimmt uns beim Betrachten seiner Bilder mit in die Welt der abgebildeten Personen. Der Betrachter wird eingeladen, ihrem Blick zu folgen. Wir schauen auf das was die Künstler sehen. Sie widmen ihre Aufmerksamkeit einem Gegenstand oder einem Ort, der uns vielleicht mehr über die Portraitierten verrät, als ein Blick in ihr Gesicht. Was sehen wir, wenn wir die Welt mit den Augen der Portraitierten betrachten? Ist es ein Blick in die Zukunft, auf das eigene Werk, ist diese offen oder verstellt, oder schauen Künstler nach innen, wie Alec Soth? Aus der Malerei der Romantik kennen wir die Rückenfiguren. Auch bei Caspar David Friedrich steht der Mensch in einer Naturlandschaft, die als Projektionsfläche für Empfindungen des Betrachters dient. Partenheimer übernimmt diese Darstellung und überträgt sie ins Heute und wir wagen gemeinsam mit den abgebildeten Personen einen Blick in die Zukunft.

Turnaround zeigt Personen aus verschiedenen kulturellen Kontexten und Generationen. In Anlehnung an die Bildtradition Caspar David Friedrichs wird die Person als Rückenportrait abgebildet, so dass der Betrachter der Blickrichtung des Portraitierten in eine imaginäre Wirklichkeit folgt. Die Serie Turnaround diskutiert Seh- und Erwartungshaltungen im Zusammenhang der Tradition des Portraits und erweitert den Imaginations- und Interpretationsraum: Äußere Erscheinung und innere Erfahrung, die Ambivalenz der Räume.

Ausstellung „Kunstpreis Literatur Fotografie 2009“
1. bis 23. Oktober 2009
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10:00 bis 17:00 Uhr, Samstag 10:00 bis 14:00 Uhr

Nikolaisaal Potsdam (Ticket-Galerie)
D-14467 Potsdam
Wilhelm-Staab-Straße 10-11

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