Arminiushalle mit Spirit-Spot für die Ohren

Statt Gemüse und Geflügel: Gratis-Mantras in Glaubensfragen © stefan bartylla

Statt Gemüse und Geflügel: Gratis-Mantras in Glaubensfragen © stefan bartylla

von Stefan Bartylla | So richtig brandneu ist die Geschichte des Gebetomaten nicht: Seit 2008 feierten die umgebauten Passbildautomaten schon einige Standorteröffnungen bundesweit. Wenn auch nur temporär, lauteten die bisherigen Berliner Adressen „Sophiensäle“, „Haus der Kulturen der Welt“ und „Radialsystem V“. Ganz neu in der Verortung darf nun auch die Arminius-Zunfthalle in Moabit genannt werden.

MIT AUDIO-FEATURE VON JULIA HART
[audio:http://www.blickberlin.de/audio/julia_hart_zunfthalle_gebetomat.mp3]
Da steht sie nämlich nun, die ehemalige Lichtbildkabine. Ganz in rot glänzt der Schrank mit weißer Beschriftung, dem Drehhocker, dem Touchscreen und dem diskreten weißen Vorhang zwischen Gebetsraum-Inneren und Realitäts-Äußeren. Eine Frauenstimme meldet sich aus den Lautsprechern, sobald der Bildschirm Berührung erfährt. Neinnein, beschweren tut sich die Dame nicht – sie begrüßt: „Willkommen im Gebetomat“ lautet die Formel, die den gebetswilligen Ansitzer zur weiteren Bedienung des behrürungsempfindlichen Monitors animiert. Zur Auswahl stehen zunächst fünf Weltreligionen, die durch Menüführung zu insgesamt 300 Gebeten in tatsächlich 65 Sprachen und letztendlich zu Chorälen und Versen führen, die in den jeweiligen Gottesdiensten, Andachtsräumen aller Glaubenscoleur gesammelt werden konnten. Der vom ehemaligen Lichtbildautomaten noch übernommene Geldschlitz ist ohne Funktion und wurde zugeklebt – hier betet der Andächtige also noch gratis und Geld spielt keine Rolle. Der Künstler Oliver Sturm, der die Anregung zum Bau des Gerätes 1999 in einem New Yorker U-Bahnhof entdeckte, verfolgt mit dem Gebetomat den Gedanken der „automatenhaft herstellbaren Erzeugung religiöser Gefühle“.

Der neue Spirit-Spot der Arminiushalle © stefan bartylla

Der neue Spirit-Spot der Arminiushalle © stefan bartylla

Ob die geistliche Installation der Ex-Markthalle und jetzigen Zunfthalle im Schatten des Rathauses Moabit endlich etwas auf die existentiellen Sprünge hilft, bleibt zu hoffen. Schließlich ist die Kabine neben der Umbenennung des Traditionsbaus aus dem späten 19. Jahrhundert nicht die einzige Neuerung. Exakt in dem Hallen-Teil, wo bis vor Kurzem noch die Molle zischte, Heringsmöpse in Brötchen gepackt wurden und auch das Mettbrötchen unterm Petersilienblättchen auf den kleinhungrigen Hallenbesucher mit Hopfendurst warteten, entfaltet sich nun ein Möbelaussteller mit Niveauanspruch auf einem guten Viertelteil der Gesamthalle. Auf weiteren Flächen sind diverse gastronomische Offerten mit Qualitätsversprechen derzeit angekündigt und auch ein Weinverkauf hat seinen Platz im Hallensortiment gefunden. Bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln und ob die neuen Händler mit den Traditionsmietern harmonieren. Schaden kann das ein oder andere Gebet hinter der Automatengardine auf gar keinen Fall. Will man dem Traditionsstück Altberliner Architektur- und Alltagsgeschichte ein langes Leben wünschen, scheint ohnehin jedes Mittel sehr willkommen – und irgendwie auch nötig. Zu bewundern ist das gute Gebetsstück in der Arminius-Zunfthalle, Arminiusstraße 2 – 4, Berlin-Moabit. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag: 7.30 – 18 Uhr Freitag: 7.30 – 19 Uhr Samstag: 7.30 – 14 Uhr

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